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Zitat: Prunksucht, Diebstahl, undurchsichtige Kassen: Die katholische Kirche wird von Finanzaffären erschüttert. Während an der Basis gespart werden muss, bleibt manchen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt.

Kurz vor Pfingsten kam nicht der Heilige Geist, sondern die Polizei frühmorgens in die Wohnung von Pfarrer S.

Wer da suchet, der findet: Über 131.000 Euro waren in den Räumen des katholischen Seelsorgers versteckt, mal waren die Scheine zwischen der Wäsche, mal unter Schubladen befestigt. Auf der Stelle wurde Hochwürden verhaftet. Nach mehreren Wochen Untersuchungshaft wartet Hans S., 76, jetzt im Kloster auf seinen Prozess.

Und siehe da, die Geldvermehrung war womöglich sogar noch wundersamer als angenommen. Die Staatsanwaltschaft Würzburg spricht inzwischen von bis zu 1,5 Millionen Euro, die S. aus Kollekten und anderen Kirchengeldern unterschlagen haben könnte. Seine Schäflein in einem fränkischen Weinort sind fassungslos. Sie hatten ihrem Hirten, der demütig und bescheiden auftrat, blind vertraut.

Gleich mehrere Finanzaffären erschüttern zurzeit die katholische Kirche, nicht nur im Fränkischen oder in Augsburg, wo der Griff von Bischof Walter Mixa in die Kasse einer Kinderheimstiftung kürzlich Wirbel machte.

Allein im Bistum Magdeburg sollen über 40 Millionen Euro verlorengegangen sein, in Limburg verschwanden 5 Millionen, in der Diözese Münster flogen 30 Schwarzkonten eines leitenden Geistlichen auf. Und während Pfarreien in ganz Deutschland Stellen und Mittel für die Gemeindearbeit gestrichen werden, bleibt vielen Bischöfen kaum ein Wunsch unerfüllt. Eine nagelneue Residenz? Ein pompöser Alterssitz? Frischer Glanz für eine Mariensäule für 120.000 Euro? So etwas ist von Trier bis Passau kein Problem, die Kassen der Exzellenzen sind prall gefüllt.

Missmanagement, Veruntreuung und Prunksucht bringen darum vielerorts die Gläubigen gegen die Obrigkeit auf. Ihr Vorwurf: Wie beim Missbrauchsskandal setzen viele Bischöfe auf Verschleiern. Möglichst niemand soll Einblick bekommen in ihre Parallelwelt aus prallen Konten und geheimen Vermögenswerten, die teils seit Jahrhunderten ihre Macht stützen. Nur der aus Kirchensteuern finanzierte Bistumshaushalt ist öffentlich - das eigentliche Vermögen bleibt im Schatten.

Jetzt aber wird dieser Reichtum zum Politikum. Arbeitslose, Wohngeldempfänger, Familien, Kommunen, Unternehmen, Bundeswehr - ihnen allen will die Bundesregierung in den nächsten Jahren Milliardenbeträge wegnehmen. Aber ausgerechnet die Kirche bleibt verschont, ihre großzügige Alimentierung durch den Staat wird kaum in Frage gestellt.

Dabei sind Deutschlands Bistümer finanziell bestens ausgestattet. "Die katholische Kirche sagt, sie sei arm, tatsächlich aber versteckt sie ihren Reichtum", sagt der Berliner Politikwissenschaftler Carsten Frerk, der nach jahrelangen Recherchen im Herbst ein "Violettbuch Kirchenfinanzen" herausbringt. Auf rund 50 Milliarden Euro veranschlagt Frerk das Barvermögen der kirchlichen Rechtsträger. Eigene Zahlen legen die Katholiken dazu nicht vor. Frerk werfen sie vor, ein voreingenommener, atheistischer Kirchenkritiker zu sein.

Das über Jahrhunderte angehäufte Vermögen ist vielseitig angelegt, etwa in Immobilien, kirchlichen Banken, Akademien, Brauereien, Weingütern, Medienkonzernen oder Kliniken; hinzu kommen Erträge aus Aktienbesitz, Stiftungen, Erbschaften. All das fließt in der Regel im Topf des sogenannten Bischöflichen Stuhls zusammen. Nur der Bischof und seine engsten Vertrauten kennen diesen Schattenhaushalt, kein Finanzamt muss Einblick nehmen. Die öffentlichen Bistumshaushalte umfassen bei weitem nicht alle Finanzen der jeweiligen Diözesen (siehe Grafik).

Das komplizierte Geflecht wird so geheimnisvoll gehandhabt, dass nicht einmal die Finanzdezernenten aller Bistümer offen untereinander darüber informieren. Barock anmutende Strukturen erschweren den Überblick, mal sitzen die Verwalter des Geldes im Kirchensteuerrat, mal in einem Diözesansteuerausschuss, einer Finanzkammer oder einer Verwaltungskammer. Manchmal wird Vermögen auch noch in Stiftungen ausgegliedert.

Auf eine SPIEGEL-Umfrage nach ihrem Vermögenshaushalt verweigerten 25 von 27 katholischen Bistümern die Auskunft, ("wird nicht veröffentlicht"), nur Magdeburg und die vor wenigen Jahren insolvenzreife Erzdiözese Berlin zeigten sich etwas offener. Anscheinend gibt es dort ohnehin kaum Vermögen, das zu verbergen wäre.